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"spielen mit regeln" - unser Thema 2019

 

2019 Thementext Spielmarkt Potsdam

 

Über viele Jahre haben wir in der Schule brav Deutsche Rechtschreibung gelernt, die Regeln unserer Schriftsprache. Fehler zu machen und damit gegen die Regeln zu handeln hat etwas Aufmüpfiges, fast schon Revolutionäres. Allerdings nur, wenn diese Handlung bewusst erfolgt. Dann kann es auch ein „Spielen mit Regeln“, ein Ausloten oder Überschreiten von Grenzen sein.

 

Wir leben in einer Zeit, in der bisher geltende Regeln oftmals infrage gestellt oder gar gebrochen werden, für neu entstehende Situationen adäquate Regeln erdacht und ausprobiert werden müssen. Das gilt für die digitale Welt ebenso wie für die Einwanderungsgesellschaft, für den Umgang mit der Natur ebenso wie für die Frage, ob in der Schule nach Gehör oder wieder auf der Grundlage der Fibel Deutsche Rechtschreibung gelernt werden soll. Nach welchen Regeln wollen wir spielen? Das ist die Frage nach einem Konsens auf den sich alle Mitspieler*innen für die Zeit des Spieles verständigen müssen.

 

Denn: ein Spiel ist ein System von Regeln, die das Spiel erst möglich machen, so wie auch unsere Welt von Regelhaftigkeiten geprägt ist. Gesetzmäßigkeiten, Regeln und Ordnungen sind die Grundlagen unseres Lebens: Biologisch, physikalisch, sozial und juristisch.

Ein Spiel ist also ohne Regeln undenkbar. So gesehen spiegeln sich Spiel und Alltag. Spiele sind Teil unserer sozialen Praxis, ebenso wie das sogenannte ernsthafte Handeln. Wir können Teile unseres alltäglichen Handels zum Spiel machen, und wir können unser Spiel zum ernsthaften Handeln machen. Die Übergänge sind fließend. Beiden Erscheinungsformen, dem ernsthaften Handeln und dem spielerischen Handeln ist eines gemeinsam: die Regelhaftigkeit.

 

Die Entstehung von Gesetzen und Vorschriften in Demokratien, geht von der Mehrheit der Bevölkerung aus. Sogar die Freiräume in jedem Leben wären ohne Regeln nicht existent. Es gäbe keine Menschenrechte und damit zum Beispiel keine Wahlfreiheit, Versammlungsfreiheit oder Meinungsfreiheit. Immer mehr wird in manchen Ländern der Welt von der Politik auf gefährliche Art und Weise mit diesen Regeln des Zusammenlebens gespielt und damit gleichzeitig die Demokratie in diesen Ländern aufs Spiel gesetzt. In freien Demokratien halten die Mächtigen das Hinterfragen ihrer Entscheidungen oder der erlassenen Regeln aus. Dort wo Diskussions- und Gesprächskulturen, auch die Teilung der Macht, funktionieren, darf nach Sinn und Unsinn von Regeln gefragt und dürfen Veränderungen vorgenommen werden.

„Der Regel Güte daraus man erwägt, dass sie auch mal ´ne Ausnahm´ verträgt. Einmal im Jahre fänd´ ich´s weise, dass man die Regeln selbst probier´, ob in der Gewohnheit trägem Gleise ihr´ Kraft und Leben nicht sich verlier´!“ (Hans Sachs in: „Die Meistersinger von Nürnberg“). Hans Sachs ermuntert uns nicht nur in Wagners Oper, sondern vor allem auch als Dichter der Reformationszeit dazu, dass es gut sein kann, Regeln zu hinterfragen, mit Regeln zu spielen. Er selbst hat als Meister der Inversion ganz wesentlich mit seinen humorvoll-spielerischen Texten und Theaterstücken zur Veränderung bestehender Ordnungen beigetragen.

 

Spiele sind also insofern „widersprüchlich“, als sie die Einhaltung bestimmter Regeln voraussetzen, zugleich aber auch dazu animieren, neue Möglichkeiten und Chancen, Konstellationen und Optionen durchzuspielen. Im Rahmen vorgegebener Regeln können so auch neue Konstellationen der Spielordnung erprobt werden. Regeln normieren Spiele, können aber auch neue Spielräume eröffnen. Vor diesem Hintergrund ist der spielerische Umgang mit Regeln schöpferisch, da im Vollzug eines Spieles neuer Sinn und neue Ordnungen entstehen und sichtbar werden können: „Spielen wir das mal durch“ ist ein beliebtes Erfolgsformat auf dem Weg zu Lösungen. Dieser Ansatz wird u.a. auch im Bildungsmaterial für Kindergärten aufgenommen: „Beim Spielen in der Gruppe lernen Kinder sich an Regeln zu halten. Sie können auch eigene Regeln aufstellen, solange sie nicht ausschließlich nach diesen spielen“ („Schulstarter“, Kosmos Verlag).

 

Bildung ist eine hervorragende Möglichkeit, um Normen, Werte und Regeln zu vermitteln, um das Zusammenleben von Menschen so zu gestalten, das gemeinsames Leben gelingen und unsere Welt erhalten werden kann. Ein dem Spiel Raum gebender Bildungsansatz ermöglicht eine spielerische Dimension: Das Spiel, in seinen unterschiedlichsten Erscheinungsformen, zeigt, sozusagen als „best practice“, wie wir dauerhaft und konstruktiv miteinander Dasein gestalten können. Spielerisches Begreifen dieser Welt, bedeutet ihre Ordnungen und Spielregeln zu erkennen und immer wieder durchzuspielen. Eine besondere Dimension des Spiels ist es also, Regelhaftigkeit und Ordnung als konstitutives Element unseres Lebens darzustellen und erfahrbar zu machen. „Jedes Spiel ist ein Lob der Ordnung“ (Wolfhardt Pannenberg, Theologe).

 

Der Vorteil des Spielerischen als Modell für unser Handeln liegt darin, dass Spiele gewöhnlich einfacher, überschaubarer, begrenzter aber auch flexibler sind als unser alltägliches Handeln. Gerade diese geringere Komplexität ist es, die das Spiel für das Erlernen gesellschaftlicher (und damit auch rechtlicher) Regeln prädestiniert. Wie in einem gelingenden Spiel, erfordert ein gelingender Alltag verlässliche Mitspieler*innen, Eigenverantwortung und Vertragstreue (Absprachen). Dabei wirkt das Spielerische insofern, dass uns die (Spiel)Regeln entlasten, in dem sie uns Entscheidungen abnehmen und einen verlässlichen Rahmen geben, den wir mit allem (spielerischen) Ernst, respektieren müssen. Das sind die Bedingungen für Spielfreude. So verstanden, sind die Regelhaftigkeit des Spiels und der spielerische Umgang mit Regeln ein Bei-Spiel für das Zusammenleben in einer Weltgemeinschaft. Die Luftfahrtpionierin Anne Morrow Lindbergh hat eine spielerische Vorstellung von gelingendem Zusammenleben: „Eine gute Beziehung ist wie ein Tanz und baut sich nach den gleichen Regeln auf“.

 

Auf dem 28.Bildungsforum Internationaler Spielmarkt 2019 wird es in Workshops, Vorträgen, auf Spielinseln und anderen Mitmachaktionen also darum gehen, die charakteristische Bedeutung von Regeln für die unterschiedlichsten Formate von Spielen aufzuzeigen, SpielArten über die Regeln zu identifizieren und die Wechselwirkungen zwischen Spielregeln und einem Leben nach Regeln aufzuzeigen. Gleichzeitig wird es auch Gelegenheiten geben sich mit der Problematik von festen Regeln einerseits und dem Fragen nach der Veränderbarkeit oder auch der Anpassungsfähigkeit von Regeln zu beschäftigen. Wie verändert sich der Charakter von „Mensch ärgere Dich nicht“, wenn zwei Parteien kooperieren, oder man auch rückwärts ziehen könnte, und machen die Spielregeln des Anstandes des Freiherren Knigge heute noch Sinn?  Was verändert sich, wenn wir nur noch kooperative Spiele spielen und Konkurrenzspiele meiden würden? Wie gehen wir mit Spielverderber*innen um, sind sie Störenfriede oder provozieren sie Neues? Ist Oma eine Falschspielerin, wenn sie den Enkel gewinnen lässt? Beeinflussen Computerspiele, die nach den Prinzipien von Gewalt und Krieg gespielt werden, das Regelverständnis von Kindern und Jugendlichen auch im Alltag? Gibt es in Familien, in denen viel miteinander gespielt wird, eine besonders hohe Akzeptanz der Einhaltung von Regeln? Wo lernen Kinder heute den Umgang mit Regeln, wenn sie kaum noch auf der Straße spielen können? Solche und ähnliche Fragen werden auf dem 28. Bildungsforum Internationaler Spielmarkt Potsdam am 3. und 4. Mai 2019 durchgespielt, um Spiel als anregendes, stabilisierendes Element, aber auch als Bei-Spiel mit Veränderungspotential, für unseren Alltag zu entdecken.