Thema: Du bist dran! – spielend Übergänge begleiten

Übergang – wir sind alle dran

“Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in an`dre neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben…”(Hermann Hesse; „Stufen“)

Für uns alle beginnt die Zeit der Übergänge mit der Geburt. Es ist unser erster großer Übergang. Wir kommen auf die Welt. Nun sind wir aufgefordert, uns diese anzueignen und unser Selbst zu entdecken, zum Ich zu werden. Es gibt kein Ausweichen. Wir sind alle dran!

Übergangsobjekte, wie z.B.  Schmusetücher, Püppchen und Teddys helfen uns in den ersten Lebensmonaten dabei, uns immer ein Stück mehr in die Welt zu wagen und uns in Freiheit vom Vertrauten (Mutter/Vater) zu entfernen. Übergangsobjekte sind unsere ersten Wegbegleiterinnen, Beschützerinnen, Freunde, Tröster und Spielgefährtinnen.

Es folgen noch viele andere Übergänge: Schuleingang, Berufsausbildung, Partnerschaft, das erste Kind, Arbeitsplatzwechsel, der Tod naher Angehöriger, sind beispielhaft weitere persönlich bedeutsame Schwellen, mit denen das Leben uns herausfordert. Aber nicht nur das, auch unser Zeitempfinden wird von Übergängen geprägt: Geburtstage, Jahreswechsel, Jahreszeiten, Gute-Nacht-Geschichten und unsere morgendlichen Gewohnheiten. Wir gestalten sie oft durch kleine Rituale und strukturieren so unseren Alltagsrhythmus.

Übergänge – persönlich bedeutsam

Übergänge sind Orte und Zeiten, in denen wir uns bewegen. Es gibt darin keinen Stillstand. Wir kommen „in die Gänge“. Ob als Säugling, als Jugendliche, im Erwerbsalter oder als Senior*innen. Übergänge sind eine Aufforderung zum Wagnis und zur Bewegung.

Übergänge sind Schnittstellen und Schwellen in unserem Leben. Übergänge fordern heraus. Übergänge sind Wegkreuzungen und Brücken auf dem Weg zu uns selbst.

Übergänge bedeuten häufig Ungewissheit und offenen Ausgang. Vorsicht und Achtsamkeit, Aufbruch und Wagnis, Hoffen und Bangen, Neugier und Verstörung liegen dabei meist eng beieinander. In Übergangssituationen steht oftmals einiges auf dem Spiel.

„Du bist dran“, spricht dann die Herausforderung. Du spürst, du stehst an der Schwelle von einer Situation zur anderen, oder gehst von einer Lebensphase zur nächsten. „Stelle dich dem Übergang“, spricht sie. „ Gestalte ihn, so gut es dir möglich ist. Du kannst ihm nicht ausweichen.“

Dir wird klar, nun bist du dran, selbst Mentor*in deiner Übergänge zu sein und dich im Alltag zu bewähren.

Übergänge sind nicht immer rhythmisiert. Sie brechen hin und wieder in unser Leben ganz plötzlich ein. Wir erfahren es selbst oder wissen es von anderen. Wir leben mit Menschen, für die sind Übergänge mit Flucht, Vertreibung, traumatischen Erlebnissen oder anderen prekären Lebenssituationen verbunden. Umbrüche, die schicksalhaft über sie gekommen sind. Diese Menschen sind in ihrer Selbstwirksamkeit dadurch häufig eingeschränkt und bedürfen professioneller und mitmenschlicher Begleitung, um im Leben wieder Fuß fassen zu können.

Gefahren und Chancen eines Übergangs liegen z.B. auch in der Pubertät eng beieinander. Abschied und Aufbruch, die Frage, wer bin ich, und die erwachende Sexualität, stellen oftmals existenzielle Herausforderungen dar. Jugendliche brauchen deshalb für den Übergang ins Erwachsenenalter gut vorbereitete, sanktionsarme Räume für  ihre Wertebildung. Sie brauchen keine Kontrolle und Steuerung von außen, sondern sie brauchen verständnisvolle Begleiter*innen und ein Umfeld in dem selbstwirksames Handeln ermöglicht wird. Das Vertrauen in sich selbst ist Voraussetzung für die Entwicklung einer eigenen Handlungskompetenz, die nur in einem wertschätzenden Rahmen erworben werden kann. Pädagog*innen sind herausgefordert:

Du bist dran, Mentor*in für Andere zu sein. Du bist dran Übergänge und Umbrüche zu begleiten.

Übergänge – spielend begleiten

In Mythen und Märchen bilden Mentoren den Helden aus, sie schützen und unterstützen ihn und geben ihm eine Gabe, die er im weiteren Verlauf der Reise braucht, um sie zu bestehen. Das Laserschwert, das Obi Wan Kenobi Luke Skywalker überreicht, ist vermutlich die berühmteste Gabe unserer medial geprägten Zeit.

Einfühlsame Mentor*innen ermutigen, spielen durch, fordern und fördern. Immer als Begleitung, nie gängelnd oder manipulierend. Aber sie bleiben dran.

Spielende Begleitung von Übergängen vollzieht sich in einem intermediären Raum, in dem die Diskrepanz zwischen Traum und Realität überwunden ist. Im Spiel werden das unbewusst Erfahrene, aber auch das (noch) nie Erfahrene, das Utopische, lebendig. Spiel ermöglicht daher nicht nur die Verarbeitung von Erinnerungen, sondern darüber hinaus Utopien und Veränderungen, sowie die Verwirklichung von Neuem.

Spiel ist Vorbereitung auf den Ernstfall, ist Werkzeug für Lösungsansätze. Deshalb nennt Fröbel sein Spielmaterial „Gabe“. Im Spiel sollen Kinder durch diese Spielgaben begleitet werden, um ihre Begabungen entfalten zu können, das Leben und seine Zusammenhänge zu entdecken.

Vom spielerischen Umgang mit Sprache und Gestik in den alltäglichen zwischenmenschlichen Begegnungen, von unseren kleinen, morgendlichen Ritualen oder den Gute-Nacht-Geschichten können wir viel lernen: Die spielerische Begleitung von Übergängen, die Besinnung auf das Feiern des Lebens, sowie die Integration von Ritualen, verhelfen uns zu einem heilsamen Lebensrhythmus.

Spielen ist die Vervielfachung unserer Handlungsoptionen durch kreative Ideen. Spielen als Probehandeln  an einem durch Regeln und Struktur geschütztem Ort.

Kaum ein anderes Medium vereint Handlungsfreiheit, Authentizität und Struktur so miteinander, wie das Spiel. Spiele erscheinen „widersprüchlich“, in dem sie die Einhaltung bestimmter Strukturen voraussetzen, zugleich aber auch dazu animieren, neue Möglichkeiten und Chancen, Konstellationen und Optionen durchspielend zu erproben.

Rituale entstehen im Spiel als Halt gebende Formen an der Schwelle zum Neuen. Uralten Mythen zufolge, scheint es dabei auch notwendig zu sein, in Veränderungsprozessen auf geeignete Fährmänner und -frauen zum Übersetzen zu treffen.

Religionsgeschichtlich sind Gott und die Götter solche „Übersetzer*innen“ an Übergängen. Der römische Gott Janus war nicht nur der Gott der Anfänge (Januar), sondern auch der Gott des Endes. Und er war der Gott aller Übergänge und Durchgänge, aller Schwellen und Türen. Dort fand sich regelmäßig sein Bildnis. Beim Übergang des Volkes Israel aus der Sklaverei in die Freiheit, begleitete Gott  Jahwe die Israeliten durch eine Wolke und eine Feuersäule. Für einen erfolgreichen Start in die Freiheit, gab er ihnen die 10 Gebote als Orientierung.

Schauen wir mit spielerischem Blick auf unsere Übergänge, erweisen sie sich nicht nur als Zwischenraum, sondern als Spielraum – ein Ort der Begegnung mit dem Unbekannten. Ein Ort für neue Gedanken und neue Einsichten, wo das bisher Unbedeutende, an Bedeutung gewinnt. Das Unvorstellbare sich vorstellt. Das Unmögliche machbar wird.

Übergänge sind Spielfelder in denen sich uns Manches entgegen stellt, wir uns mit Unvorhergesehenem auseinandersetzen müssen, sich aber gerade dadurch auch neue Wege finden lassen, die neue Freiräume öffnen, in denen wir zu unserem Spiel finden können.

Übergänge sind Wandlungsorte, indem wir durch sie hindurch wandeln, wandeln wir uns selbst. Manche Krise, mancher Übergang führt uns in unsere Mitte. Das ist die tiefe Weisheit des Labyrinths.

Übergang – Wahrnehmung im 21.Jahrhundert

Geschwindigkeit ist ein Merkmal unserer Zeit. Unser Leben ist gekennzeichnet von häufigen Wechseln, beruflich und im sozialen Status. Phasen verlässlicher, gleichbleibender Verhältnisse werden kürzer. Die Anforderungen an Einzelne sich immer wieder neu zu orientieren werden größer. Übergangssituationen werden häufiger. Der Erwerb von Kompetenzen für ein persönliches „Change Management“ gilt als Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg.

Der Philosoph Michael Bordt formuliert:  „Wir leben in einer Zeit des Übergangs. Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Soziale Marktwirtschaft haben an Überzeugungskraft verloren. Das Neue ist noch nicht sichtbar. Es ist noch nicht klar, was die alte Ordnung ersetzen wird.” (Welt 28.12.2018).

Das macht uns unruhig. Das macht uns neugierig. Das macht uns Angst.

Wir wissen, dass die Menschheit in dieser Situation dringend auf Begleitung und kreative Lösungswege angewiesen ist. „Wo das Element des Spiels im menschlichen Handeln fehlt, gerät dieses zum bloßen Reflex, zum totalitären Vollzug des Vorgegebenen und führt ins Vergessen dessen, was Freiheit meint“ (A. Grötzinger, Theologe, Uni Basel). Wir brauchen als Menschheit dringend Mut, die Spielräume, die wir  haben, zu gestalten. Anstöße, uns aus dem Vertrauten hinauszuwagen.

Spiel als Begleiter*in bietet die Möglichkeit, ein abstraktes Thema ebenso anschaulich wie begreifbar zu machen. Spielerisches Verhalten ist die Grundlage für ein tiefes und langfristiges Lernen und Verstehen. Die Freiheit einer Simulation erlaubt es, durch das Ausprobieren die richtigen Wege zu finden. Spielend sind wir also gut beraten.

Auf dem 29. Internationalen Bildungsforum Spielmarkt Potsdam, am 15. und 16. Mai 2020, wird, gemeinsam mit einem interessierten Fachpublikum, mit zahlreichen Referent*innen und Gästen aus dem In-und Ausland, mit tausenden von Spielideen und bei vielfältigen Mitmachaktionen, die Thematik der spielenden Begleitung von Übergängen erlebbar.

Spielmarktteam November 2019

 

Thementext als PDF: Du bist dran! – spielend Übergänge begleiten